Trickfilmstudio RU. Von Patrick Grasser

Patrick Grasser
Trickfilmstudio RU
Trickfilme im Religionsunterricht gestalten und präsentieren

1. Auflage 2011
128 Seiten mit 120 Abb., Kopiervorlagen DIN A4, kartoniert
19,95 € [D]
ISBN 978-3-525-77003-0
Vandenhoeck & Ruprecht

Für die religionsunterrichtliche Praxis bietet dieses Anleitungsbuch zur Arbeit mit selbst erstellten Trickfilmen eine Fülle neuer Anregungen. Im Vordergrund steht eine vielseitige methodische Arbeit mit Kindern in der Schulklasse bzw. in der Religionsgruppe. Dem Autor ist es grundlegend wichtig, die Kinder Schülerinnen und Schüler als aktiv Gestaltende in alle Phasen der Projektarbeit einzubinden. Dazu bietet das Buch vielfältige und sehr praxisnahe Hilfestellungen.

Lehrerinnen und Lehrer werden hier ‚von der Pike auf’ und ‚Stück für Stück’ an die Arbeit mit Trickfilmen heran geführt. Die detaillierten Anleitungen helfen auch denjenigen, die nicht mit einer Digitalkamera von Geburt an groß geworden sind. Wer zunächst ohne Kamera mit interessanten Gestaltungselementen arbeiten will, der findet auch dafür Ratschläge; etwa für die „Wunderscheibe“, das „Rollkino“ und das „Daumenkino“ (S. 14 ff). Präzise Bastelanleitungen und Erläuterungen zur Technik der Trickfilme bereiten den Boden für die Erstellung vor. Die Kinder werden von Beginn an in den Prozess der Arbeit eingebunden. Sie erhalten Materialhinweise (M), auf denen in kindgemäßer Sprache und in altersgerechten Schritten die Theorie und die Praxis erläutert werden. Für einige Schritte, vor allem für Schneide- und Tontechnik muss die Lehrkraft sich besonders in die Technik einarbeiten. Jedoch hat der Autor sich bemüht, kostenlose und praktikable Software dafür vorzusehen. Aber auch hier sind die Kinder „dicht dabei“; es wird sicherlich große Freude bereiten, die benötigten Trickfilmgeräusche selbst mit einfachen Mitteln herzustellen, dafür gibt es interessante Tipps (S. 45 ff). Damit man als Lehrkraft auch alles „Rechtmäßige“ bedenkt und sich nicht in den Tücken des Medienrechts verstrickt, werden entsprechende sachdienliche Hinweise gegeben (S. 61 ff).

Inhaltlich stehen in diesem Buch biblische Erzählungen im Vordergrund. Dem Autor liegt sehr daran, den Kindern auf diesem Wege eine Aneignung biblischer Inhalte zu ermöglichen. Der Einstieg beginnt mit einfachen Sequenzen zu Adam und Eva, zur Geschichte der Kindersegnung und zum Barmherzigen Samariter. Ausführlich werden Arbeitsmöglichkeiten zu Abraham Mose und verschiedenen Jesuserzählungen vorgelegt. Dabei geht es nicht nur um Methodik und Technik, dem Autor liegt auch die exegetische und didaktische Erschließung der Texte am Herzen.

Dass hier ein engagierter und erfahrener Grundschullehrer als Religionspädagoge Regie führt, ist deutlich zu spüren. Darauf verweist auch der sorgfältige Aufbau der Beschreibungen, der nichts überspringt, sondern sorgsam voran führt. Die Schülerarbeitsblätter sind erkennbar diesem didaktischen Stil verpflichtet. Ebenso merkt man, dass diese Anregungen zur Umsetzung biblischer Erzählungen in Trickfilme eigener Praxis entstammen. Religionsdidaktisch können mit dieser Arbeitsweise besondere Kompetenzen erworben werden, vor allem was Gestaltung und Präsentation betrifft.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Lehrerinnen und Lehrer sich durch diese hilfreiche Anleitung zu neuen methodischen Wegen im Religionsunterricht inspirieren lassen. Dabei kann man sich die Arbeit im Kollegen-Team ja auch aufteilen, je nach Befähigung und Interesse. Für Schülerinnen und Schüler ist diese Arbeitsweise sehr kreativ und handlungsorientiert. Diese Beschäftigung mit biblischen Inhalten erreicht andere Dimensionen der Persönlichkeit als es der herkömmliche Unterricht leistet. Die Einsatzmöglichkeiten beginnen in der Grundschule, sind aber auch bis Jahrgangsstufe 7 geeignet. Mit zunehmendem Alter steigt sicherlich auch das praktisch-technische Interesse bei Schülerinnen und Schülern. Man darf auf Ergebnisse gespannt sein, die dann vielleicht bei Youtube oder RPI-Virtuell anschaubar sind!

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26.03.2012
Dr. Manfred Spieß
Universität Bremen
Religionspädagogik

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Franziskus-Quellen. Herausgegeben von Dieter Berg und Leonhard Lehmann

Franziskus als legendarische und historische Gestalt:
die Quellen in Übersetzung

Franziskus-Quellen
Die Schriften des Heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden
Im Auftrag der Provinziale der Deutschsprachigen Franziskaner, Kapuziner und Minoriten
hrsg. von Dieter Berg und Leonhard Lehmann
Kevelaer: Butzon&Bercker 2009. [XXXI, 1797 S. (Zeu­gnisse des 13. und 14. Jahrhunderts zur Franziskanischen Bewegung 1)

ISBN: 978-3-7666-2111-5
Kunstleder in Schuber
EUR 98.00

Zusammenfassend:
Endlich gibt es eine deutsche Übersetzung aller Quellen für Franziskus und die Entstehung und Entwicklung seiner Bewegung hin zu einem – auch dann noch ungewöhnlichen – Orden. Ausgezeichnete Einführungen und kurze Kommentare erklären in aller Kürze, wer der Autor ist, den Zusammenhang, historischen Anlass und das angesprochene Publi­kum. Dieser Band gehört in jede Schulbibliothek und natürlich jede wissenschaftliche Bibliothek, wo immer man sich über diese einzigartige Gestalt und Bewegung der Europäischen Re­li­gionsgeschichte zuverlässig aus den Quellen informieren will. So gut, so kompakt ist das ein Meilenstein.

Im Einzelnen:
Franziskus von Assisi ist zweifellos eine der interessantesten Persön­lichkeiten in der Religionsgeschichte Europas. Seine Bewegung gehört in den bunten religiösen Aufbruch des 12. Jahrhunderts, an dessen Ende eine lang dauernde Ver­folgung von Ketzern und eine streng auf den Papst hin zentrierte Kirche stand. Die Freunde und Anhänger des Franziskus waren eine Laien-Bewegungen aus dem Stadt­bürgertum, die sich von den Werten und Zielen ihrer Eltern und Schulkame­ra­den abwandten: als reiche Bürger geboren, lebten sie als Bettler – von den Almosen eben des Reichtums ihrer bisherigen Gesellschafts­schicht. Der Gefahr, als Ketzer verfolgt zu werden, konnte die junge Gemeinschaft nur entkommen, indem sie sich zum Orden organisierte, eine eigene Regel gab und sich dem Papst unterstellte. [1] Aus dem charismatischen alter Christus, dem „zweiten Christus“, wird dank Bonaventura ein geregelter Orden mit vielen Freiheiten. War das ein Verrat an den ursprüng­lichen Idealen des Gründers, der als „Nackter dem nackten Christus folgen“ wollte, nudus nudum Christum sequi? [2]

Bislang gab es viele deutsche Ausgaben einzelner Schriften, immer wieder der Legen­den wie der „Blümchen“ oder der Dreibrüderlegende, der verschiedenen Biogra­phien, zusammengestellt für den Heiligsprechungsprozess (hier die weitaus größte Abteilung II: Die hagio­graphischen Quellen, S. 145-1484). Dazu sind in dem Band versammelt (Abteilung III) die Zeugnisse in und außerhalb des Ordens, wie Chroni­ken, vor allem die kurzen Berichte von Brüdern. Interessant unter den nicht-franzis­kanischen Zeug­nissen ist zunächst, was etwa die Zeitgenossen über die Teilnahme des Franziskus am 5. Kreuz­zug und über sein Religionsgespräch vor dem Sultan in Ägypten (1543-48) erzählten. [3] Darauf folgen die Zeugnisse, die nach Franziskus‘ Tod und im Zusammenhang mit seiner Heilig­sprechung (bereits 1228, zwei Jahre nach seinem Tod) wie auch der Notwendigkeit, sich zu einem Orden zu regulieren, ent­standen. Abtei­lung I (S. 1-144) übersetzt die Schriften des Franziskus, seine Gebete, die geistlichen Weisungen und Testamente, die Regeln (S. 65-104), die Briefe, Frag­mente. Alle Texte sind nach den besten neuen lateinischen Ausgaben übersetzt. Sehr präzise und knapp sind die Einleitungen historisch klug und mit Verweis auf die wissenschaft­liche Literatur vorgestellt. So die etwa ausge­zeichnete Einordnung des Thomas von Celano, wenn Johann Baptist Freyer (187-194) dessen hagiographische Texte in ihrer Funktion erklärt.

Zur Vervollständigung des Selbstbildes der Franziskanerbewegung gehören die Bilder des Franziskus mit ihren umlaufenden kleinen biographischen Bildern, die die Bettelbrüder in Prozessionen durch die Städte trugen und Spenden sammelten. Klaus Krüger hat diese glänzend zusammengestellt und ihre Funktion erklärt. [4] In einer farbigen  Grafik am Schluss des gewaltigen Quellenbandes von über 1800 Seiten sind die Beziehungen der Quellen untereinander auf einen Blick dargestellt. Und siehe da, die „Blümchen“ stehen am Ende einer Traditionslinie, fünf Generationen später. Die Tex­te sind mit Registern der Bibelstellen, Personen und Orte erschlossen; ein Sachregis­ter (in der Ausgabe der lateinischen Texte ist es das wertvollste Register!) fehlt, einiges findet man dafür im Glossar; die Verweise auf Kirchenväter und zeitgenös­sische Theologen findet man im Personen­register. Sehr brauchbar sind die synop­ti­schen Tafeln, in denen die einzelnen Geschichten und Erfahrungen des Franziskus auch in den anderen Quellen berichtet werden (1725-1794), vergleichbar einer Evangeliensynopse.

Die lateinischen Texte des Franziskus (also Abteilung I) hat 1976 Kajetan Esser her­ausgegeben, eine von Engelbert Grau verbesserte Auflage erschien 1978. [5]

Auf die hier versammelten Quellen soll ein weiterer Band folgen, in dem die Quellen zur Geschichte von Franziskus‘ Schwester Klara und ihres Frauenordens in deut­scher Übersetzung dargestellt werden wird.

Der Band ist ein Meilenstein für die geduldige Arbeit, mit dem die Franziskaner ihre Geschichte selbst wissen­schaftlich aufarbeiten.

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15. März 2012
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft
Universität Bremen

 

  1. [1]  Christoph Auffarth: Die Ketzer. München: Beck Wissen 2005; ²2009, 96-101.
  2. [2] Zur franziskanischen Frage Leonhard Lehmann 165-179. Es geht nicht mehr darum eine ‚historische‘ Biographie aus den Legenden zu rekonstruieren, sondern Legenden sind historische Quellen eigener Qualität. Man kann nur Bilder, das jeweilige Image rekonstruieren, das eigene und das derer, die von außen darauf schauen. – Das nudus nudum Christum sequi konnte ich in dem Band nicht im Wortlaut verifizieren, es geht auf Hieronymus ep. 125, 4 zurück, s. Bonven­turas 1. Predigt (i.J. 1266) 4, 9 u 13. Erzählerisch [Little 3] S. 1608.
  3. [3]  Dazu die Synopse 1764: Da der Sultan ihn nicht tötet, erleidet er ein freiwilliges Martyrium, indem er die Wundmale (stigmata) Jesu an seinem Körper erhält. Im Ortsregister Damiette, Heiliges Land.
  4. [4] Klaus Krüger: Der frühe Bildkult des Franziskus in Italien. Gestalt- und Funktionswandel des Tafelbildes im 13. und 14. Jahrhundert. Berlin: Mann 1992.
  5. [5] Franziskus <von Assisi>: Die Opuscula des hl. Franziskus von Assisi. Grottaferrata (Romae): Collegii S. Bonaventurae ad Claras Aquas ²1989, XLIV, 511 S.
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Wo bleibt die Religion? Von Volkhard Krech

Wo bleibt die Religion?

Zur Ambivalenz des Religiösen in der modernen Gesellschaft
Volkhard Krech
Bielefeld: transcript 2011
293 Seiten. Broschur
EUR 28,80
ISBN 978-3837618501

Zusammenfassend:
„Die Rückkehr der Religion“ und „das post-säkulare Zeitalter“ waren die großen Thesen des vergangenen Jahrzehnts. Auf der anderen Seite stehen Beobachtungen der Entkirchlichung und der unsichtbaren Religion. Ist da immer irgendwie Religion enthalten oder verschwindet Religion doch? Wo also bleibt die Religion? Volkhard Krech versucht darauf in enger Verzahnung mit den theoretischen Debatten empiriegesättigte Antworten zu geben. Es seien je besondere Bereiche, die in ihrer Verknüpfung das Problem des Religiösen (hier nicht der Begriff Religion!, d.h. hier wird von den „Nutzern“ her gedacht) in der modernen Gesell­schaft, den westlichen Gesellschaften mit einigen Ausflügen nach dem Nahen Osten und Ostasien, ausmachten. Das sind faszinierende Einblicke und Überblicke zu aktuellen Theoriedebatten und feine Werkstücke, die zeigen, wie man methodisch etwa mit Inter­views umgeht. Thema­tisch geht es um Konversion, Organisation von Religion, Individuen-Religion, Religion in der Politik, Sakrali­sierung und Säkularisierung, zudem Kunst. Ein Schlusskapitel fragt: Hat die moderne Gesellschaft Phantomschmerzen? Interessante Frage, interessante Antworten. Höchstes Niveau! Es lohnt sehr, das Buch durchzuarbeiten. Eher etwas für Fortgeschrittene, aber die finden Zusammenfas­sungen des schon Gelernten, die jeden weiterführen.

Im Einzelnen:
Der Autor dieses Buches hat im letzten Jahrzehnt wichtige Impulse gegeben: einerseits durch zur Diskussion anregende Vorträge und Aufsätze, andererseits durch große Forschungsprojekte und Kollegs, die er an der Universität Bochum aufgebaut hat. Nachdem er sich in zwei großen Monographien mit der Entstehung und den Klassikern der Religionssoziologie und der  ‚Religionsforschung’ [1] um die Jahrhundertwende 1900 beschäftigt hatte, [2] gilt seine Forschung vor allem gegenwärtigen Entwicklungen. Gleichzeitig organisiert er aber in den großen Kol­legs auch die Religionsgeschichte in den Dynamiken zwischen und in den Religionen im Kon­takt zwischen Asien und Europa. Der Attitüde vieler Religionssoziologen, mit der Religi­on in der Moderne behandelten sie einen einzigartigen Gegenstand, der sich von der Tradition grundsätzlich unterscheide, steuert VK also entgegen. Wichtige Studien, auf denen die Großprojekte aufbauen und theoretisch weiterarbeiten können, hat VK in seiner Bielefelder Habili­tationsschrift als Religionssoziologe erarbeitet. Jetzt nach zehn Jahren veröffentlicht er sie in überarbeiteter Form. [3] Ein grundlegendes Buch zu den Debatten über Religion in den unter­schiedlichen Fächern.

I Einleitung  (13-24)
„Die Rückkehr der Religion“ und „das post-säkulare Zeitalter“ waren die großen Thesen des vergangenen Jahrzehnts. Auf der anderen Seite stehen Beobachtungen der Entkirchlichung und der unsichtbaren Religion. Ist da immer irgendwie Religion enthalten oder erodiert Religi­on doch? Wo also bleibt die Religion? Volkhard Krech versucht darauf in enger Verzah­nung mit den theoretischen Debatten empiriegesättigte Antworten.

II Paradigmen religionssoziologischer  Theoriebildung (25-43)
Sehr knapp, aber klug zugeschnitten und kommentiert, behandelt VK:
Die Individualisierung von Religion, d.h. gegenüber der vorgeschriebenen Religion der Institutionen sucht sich das Individuum seine Religion. VK argumentiert gegen die These von der Auflö­sung von Religion, vielmehr handele es sich um eine Transformation. Dabei behält sie aber häufig nicht den Namen ‚Religion‘. Ein zentraler Begriff ist „das religiöse Feld“: Religion wird nicht definiert und damit normiert durch den Definierenden, sondern sie ist Teil von Kultur und damit verwoben (engl. embedded ‚eingebettet‘) mit Kunst, Musik, Recht, Wirtschaft, Herrschaft der jeweiligen Kultur; wo das Feld endet und ein anderes beginnt, bestimmen nicht die Forscher (oder normierend die Theologen), sondern wird „von der Praxis selbst festgelegt“ (16). Das ist etwas anderes als der Nominalismus, dass Religion sei, was die Leute so benennen. Dennoch bleibt die Frage, wer das Recht hat, Spieler in dem Feld zu definieren, die sich selbst als nicht religiös bezeichnen oder die von anderen Spielern nicht anerkannt werden. [4] Wenn das Verfassungsgericht den Islam in Deutschland nicht als Religionsgemein­schaft anerkennt oder Scientology den Charakter einer Religion aberkennt: Ist die wissen­schaft­liche Analyse davon abhängig, was diese – in dem Fall die juristische – Praxis festlegt? Oder muss man sich eher auf einen ‚Diskurs‘ beziehen, wie Kippenberg/von Stuckrad das darge­legt haben? Aufbauend auf Niklas Luhmann und Ulrich Oevermann bestimmt VK Religion als Kommu­nikation; sie verändert sich laufend im Prozess der Kommunikation. Die Kommuni­­ka­tion ist aber festgelegt durch beteiligte Institutionen und Individuen, das heißt, sie kann sich nicht plötzlich ändern, sondern Änderungen durchlaufen einen Prozess. Religionen mit hoher Professionalität von Spezialisten können kurzfristig Revolutionen durchsetzen (Reformation; Zweites Vatikanisches Konzil in der katholischen Kirche); tradi­tionelle Religionen brauchen dazu lange Zeit. Pierre Bourdieu hat das klar erkannt mit seinem Begriff des Habitus: Soziale Herkunft bestimmt den langsamen Prozess. Luhmann hat die Bedeutung der ’vertikalen’ Kommunikation hervorgehoben, d.h. die Hierarchien in Institutio­nen verhindern schnelle Änderungen. Hier wünschte man sich mehr Kritik an den Prämissen der Luhmannschen Theorie; denn seine Erfahrung des katholischen Christentums, der Tod als letzter Kern von Religion, der Begriff der Transzendenz gelten bei weitem nicht für jede Religion und man kann sie auch nicht als den letzten Kern der christlichen Religion sehen.

III Religiöse Erfahrung als ein kommunikativer Sachverhalt: Semantische Aspekte (45-72) Bei Kommunikation spielt das Erlernen und der kompetente Umgang mit„Sprache“ die zen­trale Rolle, die Semantik der religiösen Sprache allerdings hat keine Entsprechung von „richtig/falsch“ auf einer erfahrbaren Realebene, sondern sei immer metaphorisch bzw. tropisch. Religiöse Erfahrung ist eigentlich nicht mitteilbar. Als ein Beispiel dafür hat VK das beste Thema dieses Problembereichs gewählt: die Konversion (50-71). Es geht nicht um ein an­thro­pologisches Grundmuster der Erfahrung von Krise der alten Identität – Konversionserleb­nis – Anschließen an die neue Gruppe der Konvertiten. Vielmehr ist das Konversions­erleb­nis eine Konversionserzählung, die sprachliche Darstellung einer neuen religiösen Identität. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Die Konversionserzählung ist das Ritual der ständigen Wiederholung der Konversion, die – hoffentlich, etwa beim Alkoholiker – vor dem Rückfall bewahrt. VK klärt, es geht nicht um die Erfahrung, sondern um die Erzählung von einer ‚Erfahrung’. Das ist ein schlagendes Ergebnis der Theorie!

IV Entwicklungen organisierter Religion (73-113) als sozialstruktureller Aspekt
Zwischen der individualisierten Religion und der organisierten findet sich das Dilemma, dass die Mitglieder durchaus unterschiedliche Motive bewegt, dass man sich auf verbindliche Sym­bole einigen muss, dass Ämter Bürokratie und Finanzbedarf hervorbringen, die Begrenzung von Einmischung und Finger verbrennen und das Dilemma der Macht. (S. 74). Unter den Formen und Beispielen sind wichtig, wie die Diakonie das betriebswirtschaftliche Rech­nen lernen musste, das Organisieren, und damit in Konflikte mit professionellökonomischem Handeln kommt. – Das andere wichtige Argument des Kapitels ist der unausweichliche, aber auch oft produk­tive Austausch von Individuen in der organisierten Religion.

V Transformations- und Diffundierungsmodelle von Religion (115-240), der gesell­schafts­strukturelle Aspekt:
Hier muss die Frage nach der Säkularisierung wieder aufgegriffen werden. VK spitzt ihn zu auf: Ist die Entwicklung unumkehrbar? Und findet dann Beispie­le für Resakralisierung und vor allem Transformation. Der Horizont ist nicht begrenzt auf Eu­ropa des 20. Jh.s, sondern bewertet den Vorgang in historischem Bewusstsein (wozu Sozio­logen häufig nicht fähig sind). Kon­kre­tion sind Austrittsbewegungen und Teilnahme am Abendmahl. Zu dem deutlichen Anstieg nach 1945 (Graphik 123) gehört aber auch die grund­legende Veränderung im Verständnis des Abendmahls: es wird eher als Gemein­schaftsmahl und nicht mehr als ein Sündenvergebungsritual gefeiert. Wichtig ist die Überlegung, dass man Reli­giosität gegenüber dem harten Fakt Mitgliedschaft in der Kirche (143-151) durchaus messen könne. Unter Individuen-Religion ist eine Konkretion extremer Leistungssport (166-182), unter Politik und Religion geht es um religiöse Symbole und Begründung von Werten, bes. in der Europäischen Einigung. Unter Kunstreligion bespricht VK ein Triptychon von Francis Bacon (1965): „Kreuzi­gung“ mit Nazi-Zuschau­ern.

VI Epilog (241-260) 
Religion kann sich in der modernen Gesellschaft nur unter den Bedingungen der Ausdifferenzierung bewegen und transformieren. Daher sind vor allem die funk­tio­nalen Äquivalente ein Bereich, in dem Religion sich transformiert hat. Leistungssport, Fit­ness, Askese etwa, Musik. Nicht nur, aber auch existenzielle Fragen.

Im Anhang die Bibliographie, Transskriptionsregeln, die farbige Abbildung des Triptychons Crucifixion und Verzeichnisse, allerdings kein Index.
Ein wichtiges Buch, das Theoretisches auf einer breiten Basis sozialwissenschaft­licher und historischer Forschung vermittelt. Es zeigt, warum die Religionswissenschaft bzw. die unterschiedlichen Wissenschaften, die Religionsforschung betreiben, viel breiter ansetzen müssen, als das, was gemeinhin sich Religion nennt oder als Religion gilt, vermuten lässt.

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Christoph Auffarth
Prof. für Religionswissenschaft
an der Universität Bremen.
Bremen, 22. Februar 2012

  1. [1]  VK verwendet gerne den Begriff statt Religionswissenschaft. Er begründet das damit, dass über Religion viele Fächer arbeiten. Religion ist also nicht der Gegenstand, über den nur Religionswissenschaftler, erst recht nicht Theologen allein sich wissenschaftlich äußern dürfen. Andererseits fehle dem Fach Religionswissenschaft die kritische Masse und das Forum der Theorie-Debatte, um eine eigene Wissenschaft zu bilden.
  2. [2]  Religionsforschung 1870-1933 (1998).  Simmels Religionstheorie (2002).
  3. [3] Teile daraus hat VK schon in Thesen seiner Kapitel anderswo vorgestellt; dennoch ist die Veröffentlichung als Monographie im Zusammenhang neu und vieles in den Diskussionen im Internationalen Kolleg noch gereift.
  4. [4]  Dazu Krech S. 246 „Im Kommunikationskontext eines bestimmten gesellschaftlichen Bereichs kann mit Rekurs auf die ihm externe Religion erkannt werden, dass die Welt nicht nur im jeweils Benannten und Benennbaren nicht zu erfassen ist, sondern überhaupt im Bestimm- und Verfügbaren nicht aufgeht.“
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König auf einem Esel. Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament für die ganze Familie. Von Nico ter Linden

Nico ter Linden

König auf einem Esel
Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament für die
ganze Familie

384 Seiten, gebunden.
Übersetzt von Wolfgang Rescheleit
Mit vielen vierfarbigen Bildern illustriert von Cesili Josephus
Jitta
Format 21 x 29,7 cm
Lutherisches Verlagshaus Hannover 2011
ISBN 978-3-7859-1063-4
45.- Euro

Dies ist eine Erzählbibel ganz eigener Prägung. Nico ter Linden hat nach seinem umfangreichen Werk „Es wird erzählt“ (6 Bände, vgl. Anm. 2) nun eine besondere Bibel für die jüngere Generation geschrieben. Im Vorwort berichtet er von eigenen Erlebnissen der Kindheit und Jugendzeit, die prägend waren für die spätere intensive Beschäftigung mit der Bibel. Ohne Verschnörkelung wird dargelegt, dass ein bedingungsloser Wunderglaube nicht als Voraussetzung für die heutige Bibellektüre gelten sollte. Der Grund: Die biblischen Erzähler schrieben ja nicht „in Zeitungssprache, sondern in Geschichtensprache“ (4)!

Um das Sammeln, Erzählen, Erleben und Hören von Geschichten geht es auf jeder Seite dieser imponierenden Erzählbibel. Der Autor lässt Onkel Ben programmatisch verkünden: „Wir sammeln die Geschichten unseres Volkes und schreiben sie auf … Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, man braucht auch Geschichten. Wenn wir die alten Geschichten vergessen, verlieren wir alles. Dann wissen wir nicht mehr, woher wir kommen und wohin wir gehen“ (15). Weitere zentrale Personen im Erzählarrangement sind die Kinder Judith und Tobias, die gemeinsam mit ihren Eltern und dem ehemaligen Tempelpriester Onkel Ben Jerusalem verlassen müssen und in die Verbannung nach Babylon geführt werden. Onkel Ben hat sich mit anderen Schreibkundigen die große Aufgabe gestellt, Israels Erzählungen und Glaubensgeschichten so zu Pergament zu bringen, dass sie den Verschleppten in ihrer schwierigen Situation Stärkung und Zuversicht bieten. Judith und Tobias sind in dieses geschehen eng involviert und können gar nicht genug an diesen Erzählungen haben. Gut dass Onkel Ben auch so vieles erklären kann. Das hilft ihnen, die vielen fremden Dinge in Babylon besser zu verstehen und in Relation zu ihrem Glauben zu bringen.

Auf diese Weise erhält der heutige Leser die Chance, ähnlich wie Judith und Tobias die Inhalte des Alten Testaments im Zusammenhang und in kundiger Deutung zu erfahren. Immer wieder bringt Nico ter Linden – bzw. „Onkel Ben“ – die beiden könnte man fast verwechseln – fachliches Wissen hinein, das für junge Leser eine gute Brücke zu den alten Texten darstellt. Eine Erzählbibel kann nicht alle exegetischen Untersuchungen zu einem Text berücksichtigen bzw. wiedergeben; der Autor muss Entscheidungen treffen, welcher hermeneutischen Anschauung er den Vorzug geben möchte.

Ein Beispiel sei hier dazu genannt.  Bei der Erzählung von Isaaks Bindung ( Gen 22) greift Nico ter Linden zu der Methode, die Erzählung von der Fast-Opferung Isaaks als einen Traum Abrahams zu deuten. Diese Interpretation mindert die Wirkung der Erzählung nicht, wie der Schlusssatz zeigt: „Abraham hat seinen Traum nie mehr vergessen, es war, als ob er seinen Isaak aus seinem Tod zurückbekommen hätte“ (42).

Die alttestamentlichen Erzählungen sind in zwei große Blöcke geteilt. Der erste Teil steht unter dem Motto „das Land unter dem Regenbogen“ und enthält die Erzählungen der 5 Bücher Mose. Der zweite Teil heißt „Der Prophet im Fisch“. Ein Schüler namens Amos übernimmt die Rolle des verstorbenen Onkel Ben  und begleitet die inzwischen erwachsen gewordenen Judith und Tobias, die nun ein Paar sind. Nico ter Linden folgt mit diesem Aufbau dem jüdischen Verständnis , welches auch die Bücher Josua, Richter und Könige u.a. m. den Propheten zuordnet. Als Schriftprophet kommt besonders Jeremia in diesen Erzählungen viel Raum. Dem Entstehungsprozess der biblischen Bücher folgend, stehen die Geschichten von Esther und Daniel am Ende der alttestamentlichen Reihe. Das letzte Wort hat hier überraschender Weise der König Nebukadnezar. Nico ter Linden lässt ihn von Gott und den Göttern sprechen, von Befreiung und Rettung und von der Sympathie für die Schwachen (260). Damit wird die prophetische Rede mit dem messianischen Gedanken – in einem „Heiden“ ! -  verknüpft – eine gute Überleitung zum nun folgenden Neuen Testament!

Dieses beginnt bei Nico ter Linden mit einer Ostererzählung, nämlich mit den beiden Jüngern die nach Emmaus unterwegs sind (263 ff). Sie heißen hier Lukas und Matthäus, und diese Evangelisten werden kurzerhand zu ehemaligen Jüngern Jesu gemacht.1 Sie sind nicht nur Randfiguren in der Erzählung, sondern aktive Bindeglieder in der Konstruktion der Jesuserzählungen. Besonderes Kennzeichen der beiden ist ein fortwährender intensiver Dialog. Dem Leser wird so deutlich, dass die Erzählungen der Evangelisten auch Produkt intensiven Nachdenkens, Forschens und zielgerichteter Verstehensbemühungen waren.

Lukas und Matthäus tauschen sich über ihre Jesuserinnerungen aus: „Das ist das, was ich heute Nacht aufgeschrieben habe“, sagte Lukas. Matthäus war ganz still geworden. „Du hast daraus wirklich etwas Besonderes gemacht“, sagte er nach einer Weile. „Witzig, dass du Jesus nach seinem Begräbnis wieder so herumspazieren lässt. Aber du hast Recht: In einem Grab darf man Jesus wirklich nicht suchen. Dort wird man ihn nicht finden“ (268).

Die bekannten Geschichten von Jesus sind hier in neue Kontexte eingeordnet. Der hermeneutische Ansatz Nico ter Lindens, in die Erzählungen und Dialoge auch Deutungen und Wissensvermittlung einzubringen, kommt hier stark zum Tragen.2 Das Vertraute wird so neu erschlossen und kann anders zur Wirkung kommen. Ganz nebenbei erfährt der Leser durch die Einlassungen von Matthäus und Lukas, welche Fülle an gedanklichen Verbindungen zu alttestamentlichen Themen und Personen in den Jesuserzählungen zu finden sind; beispielsweise bei der Geschichte der Totenerweckung des Jünglings von Nain (278 ff).

Auch der Evangelist Johannes wird in das Geschehen eingebunden: Lukas und Matthäus stehen mit ihm in Korrespondenz und tauschen Geschichten aus. Die Anordnung der Erzählungen entspricht nicht dem bekannten Duktus. Sie ist jedoch nicht willkürlich. Jeder der beiden Protagonisten steuert am Schluss noch etwas Entscheidendes bei. Lukas schreibt von dem Pfingsterlebnis und dessen prophetischer Ausstrahlung (374 f); Matthäus überlegt sich, mit welchen Worten die Jesusbotschaft in Kurzform – fast „twittermäßig“ würde man heute sagen – weitergesagt werden könnte. „Er schrieb es in acht Versen auf. Eine Art Lied wurde das, ein Lied von der Sehnsucht nach dem Reich Gottes: „Glücklich, die einfachen Herzens sind, denn ihnen gehört das Reich Gottes…“ (376 f).

Fazit: Diese besondere Erzählbibel ist ein „großer Wurf“. Nico ter Linden sprengt damit die Grenzen üblicher Kinder- und Jugendbibeln. Auf ganz eigenständige Weise wird die biblische Botschaft aufgegriffen und verarbeitet. Zwar sind die heutigen Leser unverkennbar das Ziel dieses Unternehmens, jedoch wird dabei der biblische Grund nicht hermeneutisch einfach übersprungen. Der jugendliche und erwachsene Leser kann sehr viel Neues entdecken. Man wird immer wieder neu zu dieser Bibelerzählung greifen, weil der erzählerische Spannungsbogen den Leser fesselt. Diese Erzählbibel ist eigenständig und mutig, weil sie auch theologische Erkenntnisse und Weltanschauungsgrenzen über die alten Texte berücksichtigt. Die Leser werden nicht bevormundet und ihnen wird auch nicht zugemutet, sich das Weltbild der Antike zu eigen zu machen, zum Beispiel einige Wundererzählungen betreffend. Dass damit auch manche „dogmatische Korrektheit“ kippt, woran sicher der eine oder andere Anstoß nehmen wird,  ist dem Autor klar. Der Gewinn an inhaltlicher Kenntnis ist jedoch so groß, dass man Letzteres ruhig in Kauf nehmen kann.

Diese Erzählbibel kann in religionspädagogischer Hinsicht viele gute Dienste leisten. Im Unterricht kann sie helfen, schwierige Bibeltexte zu verstehen und vertraute Geschichten mal ganz anders zu deuten. Besonders die Erzählungen zum Alten Testament weisen eine gelungene Spannung auf, die einfach Lust zum Weiterlesen macht, Jugendlichen und Erwachsenen!

Dr. Manfred Spieß
Universität Bremen
Religionspädagogik

20.02.2012


1 Erst am Ende des Buches schenkt Nico ter Linden den Lesern ‘reinen Wein’ ein, indem er bekennt, dass er diesen Sachverhalt aus schriftstellerischen Gründen „erfunden“ hat (vgl. 378)

2 Bereits die früheren Bände „Es wird erzählt“ waren von dieser anspruchsvollen, aber ertragreichen Hermeneutik geprägt. Vgl. dazu meine Ausführungen hier

 

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Augustinus wendet sich vom Manichäismus ab. Von Volker Henning Drecoll

 Weichenstellung in die Europäische Religionsgeschichte

Volker Henning Drecoll; Mirjam Kudella
Augustin und der Manichäismus.
Tübingen: Mohr Siebeck 2011 [X, 292 S. – ISBN 978-3-16-150841-7. Fadengeheftete Broschur 29 €]

Zusammengefasst: Die Angst vor Teufel und Hölle bestimmt lange das lateinische Mittelalter und die Europäische Religionsgeschichte. Ein entscheidender Vermittler ist Augustinus, der zwölf Jahre mit den Manichäern lebte, glaubte, lernte. Was er später den ‚katholischen‘ Christen lehrte, setzt sich von den Lehren der Manichäer zwar ab, aber die Problemstellungen und teilweise die Lösungen sind bestimmt von dem, was er bei den Manichäern lernte. Das zeigt in sorgfältiger Abwägung dieses kleine, aber sehr wertvolle Buch.

Im Einzelnen: Ein Problem, das sich in meinen Vorlesungen zur Spätantike immer wieder stellte, das ich aber in der Forschung nicht recht beantwortet fand, ist mit diesem wichtigen Buch nun viel genauer zu beantworten: Wie kommt es, dass die Religionsgeschichte im ‚Latein-Europa‘ so dominiert ist von der Angst vor Hölle und Teufel? Es ist die Angst vor der Sünde und einem ewigen Tod, von denen allein Gott retten kann, allein aus Gnade. Die Spur für die Ant­wort führt auf die zentrale Bedeu­tung Augustins für die mittelalterliche und früh­neu­zeitliche Religion, für reformierte wie katholische Religion. (Die Alternative dazu in der Theologie des Origenes und ihre Bedeutung für die Europäische Religionsge­schichte erarbeitet gerade eine Serie von Tagungen initiiert von Alfons Fürst).[1] Die Frage begrenzen die beiden Autoren klugerweise.[2] Volker Henning Drecoll [3] und Mirjam Kudella,[4] haben schon beide große Monographien bzw. die Übersetzung eines der großen Werke Augustins erarbeitet und können so als Spezialisten für die Frage gelten. Sie analysieren die Frage ‚Augustin und der Manichäismus‘ unter den drei folgenden Geschichtspunkten und belegen jede These mit Zitaten direkt aus den Werken des Augustinus:

(1) Was lernten und was vermittelten sich die Manichäer untereinander, zu denen Augustinus von 373 bis zum Entschluss zur Taufe und zum Zölibat im Jahre 386 gehörte? In der letzten Generation hat sich das Bild vom Manichä­ismus enorm differenziert; daher stellen VHD-MK die Frage sehr präzise: Was weiß man über die afrikanische Form des Manichäismus? (S. 9-57)

(2)   Was sagt Augustinus über seine Zeit als Manichäer? (S.58-86) Der Manichä­ismus erschien Augustin als die rational besser begründete Religion, ja als das bessere Christentum.

(3)   Nach dieser wichtigen, prägenden Phase seines Lebens wechselt Augustin zu der anderen Form des Christentums, der ‚katholischen‘, er verlässt seine Lebens­gefährtin, mit der er einen Sohn hatte. Eine massive Wende im Leben, in den besten Jahren des Lebens! Und ab da bekämpft er die Manichäer in seinen zahlreichen anti-manichäischen Schriften. (S. 87-187) Welche Fragen beschäftig­ten ihn dabei besonders, was lehnte er nun ab? Eine differenzierte Übersicht findet sich zu dieser Frage auf S. 111 f. Die ‚Rationalität‘ aus De utili­tate credendi spielt dabei keine Rolle.

(4)   Schließlich geht es um den Einfluss des Manichäismus auf Augustin auch nach der Wende; denn auch in seinem Antimanichäismus beschäftigt er sich mit den Fragen, die die Manichäer gestellt haben (S. 207-221).

(5)   Die Frage, welche Auswirkungen das Verhältnis Augustins mit dem Manichä­ismus auf die (lateinische) Europäische Religionsgeschichte hatten, behandeln die beiden Autoren nicht. Gut so. Aber die große Frage ist nun besser zu lösen.

Diese Untersuchung kann an einem sehr konkreten Punkt eine Weichenstellung der Europäischen Religionsgeschichte  präzise benennen. Augustinus hat sich in seinem Anti-Manichäismus in der Antithese zum Dualismus dennoch nicht von dem Pro­blem lösen können, das der Manichäismus stellte. Augustins Lösung, Gott sei nicht stur und festgelegt auf ein ‚Entweder – Oder‘,  führt ihn zu seiner Gnadentheologie. Der Mensch ist nicht vorherbestimmt  auf Gut oder Böse (Prädestination), sondern es gibt die Zwischenstufen und die Möglichkeit, sich zu bessern und zu verschlechtern. Dazu hat Gott die Gnade in Form von Gnadenmitteln zur Verfügung gestellt. Diese werden von der Kirche verwaltet (woraus immer wieder ein Monopol der Institution gemacht wurde).

Die Autoren kommen zu folgenden Ergebnissen:

  • Für die Gotteslehre bleibt ein Dualismus, aus dem aber das Böse entfernt und durch das Nihil (Nichts) ersetzt ist. Dies ist zwar nicht das dynamisch-aktive Vernichtende, dafür kämpft und arbeitet der gute Gott  weiter. Das Böse ent­steht, indem jemand sich ‚des Guten beraubt‘ (privatio boni), wenn er sich aus der von Gott geschaffenen Ordnung bewegt, etwa wenn ein Mensch sich wie ein Tier verhält (bes. S. 112-122).
  • Für die Seelen- und Willensvorstellung bedeutet das Nachwirken manichä­ischer Vorstellungen – neben den neuplatonischen Seelenkonzepten –, dass die Seele die intensive Verbindung zu Gott darstellt,  nicht nur zu einer der drei Perso­nen Gottes und auch nicht nur des rationalen Teils der Seele zum ‚Geist‘. Allerdings ist die Seele nicht ein Splitter oder ein abgesonderter Teil von Gottes Sein, aber sie bleibt (manichäisch) eher passiv-rezeptiv.
  • Mit der Sündenlehre grenzt sich Augustinus vom sokratischen Optimis­mus ab, der darauf setzt, dass wer das Gute erkannt habe, auch gut handele. Für Augustinus ist die Fehl-orientierung das Normale. Obwohl die Menschen Gottes Ordnung kennen, verhalten sie sich dagegen. Das ist kein individuelles Fehlverhalten, sondern das Urereignis der Erbsünde (peccatum originale). Das wiederum gleicht dem manichäischen Mythos von der Schlacht zwischen Gut und Böse am Anfang der Geschichte.
  • Auch in der Christologie kann man manichäisches Erbe erkennen, obwohl ge­rade in diesem Punkt Augustin sich vom Doketismus scharf abgrenzt. Dennoch verbinden den Manichäischen Erlöser und den Christus in der Konzeption Augustins, dass beide in Gottes Auftrag durch Leiden erlösen.
  • In der Heilsgeschichte wirken zwei entgegengesetzte Mächte, etwa in De civitate Dei der Kampf gegen die civitas diaboli (hier ist es deutlich dualistisch – im Gegensatz zu dem ersten Punkt oben!).  Sicher kann man – im Unterschied zu den zwei Prinzipien des Manichäismus die Dynamik der Durchsetzung des Guten erkennen, aber ist das mehr als ein gradueller Unterschied?
  • Die Bewertung von Sexualität, Familie und Askese: Während im Christentum dieser Zeit Askese noch sehr umstritten war, gibt es eine feste Tradition im Manichäismus, dass die electi oder perfecti asketisch leben müssen. Die Lust concupiscentia ist dabei das Gefahrvolle, nicht das Kinderzeugen.
  • Schließlich lässt sich auch beim Gebrauch der Bibel mögliches Nachwirken der Frömmigkeitspraxis aus seiner Zeit als Hörer bei den Manichäern finden: Aus dem NT sind es besonders die Evangelien des Matthäus und Johannes, ganz besonders aber die Schriften des Paulus als Überwinder des ‘Gesetzes‘. Und obwohl die Mani­chä­er das ‚Alte‘ Testament prinzipiell ablehnen, ist ihre Sprache doch voll von Zitaten aus den Psalmen.

Am Ende ist noch einmal alles gut zusammengefasst, ausführliches Literaturver­zeichnis der internationalen Debatte, sehr gute Indices,  u.a. ein wertvoller Sach­index.

Das sorgfältige Buch der Kirchenhistorikerin und des Kirchenhistorikers klärt eine fundamen­tale Weichen­stellung der Europäischen Religionsgeschichte: Die Zeit bei den Manichäern hat Augustinus auch dann noch bestimmt, als er zum (für die latei­nische Tradition wichtigsten) Kirchenlehrer der katholischen Kirche wurde. Ein unverzichtbares Buch für jede religi­ons­wissenschaftliche Analyse der Europäischen Religionsge­schich­te!

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7. Januar 2012
Christoph Auffarth,
Prof. für Religionswissenschaft
(Geschichte und Theologien des Christentums)
Universität Bremen

  1. [1]  Die Reihe Adamantiana beginnt mit Origenes und sein Erbe in Orient und Okzident, hrsg . A.F.  Münster: Aschendorff 2011.
  2. [2] Im Folgenden abgekürzt mit den Initialen VHD-MK.
  3. [3] Augustin-Handbuch, hrsg. von VHD.  Tübingen: Mohr Siebeck 2007.  Ders.: Die Entstehung der Gnaden­lehre Augustins. (Beiträge zur Historischen Theologie 109) Tübingen 1999.
  4. [4] Die Ausgabe, Übersetzung und Kommentierung der antimanichäischen Schrift Augustins Contra Secundinum, von Mirjam Kudella. Paderborn 2010.
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Niederländische Religionsgeschichte. Von Joris van Eijnatten und Fred van Lieburg

Religion in den Niederlanden: Das Modell einer Europäischen Religionsgeschichte

Joris van Eijnatten; Fred van Lieburg
Niederländische Religionsgeschichte.

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011.
[Übersetzt von Kerstin Hedemann. 486 S. ISBN: 978-3-525-54004-6 gebunden € 79,95]

Zusammengefasst: Lange ein Modell der Integration, stehen die Niederlande für das Auseinanderfallen der scheinbar am besten integrierten Europäer: Mord an einem Regisseur, der die Wahrnehmung des Islam auf die Spitze trieb, Wahl eines Rassisten in die Regierung. Misslingt das Modell Europa?
Eine Religionsgeschichte ist mehr und anderes als eine Kirchengeschichte; die Niederlande sind mehr und anderes als Europa: Besonders die intensive und radikale Reformation, die besondere Erfahrung als Kolonial-Nation, die Mischung und Pluralität des Erbes des Kolonialismus und die Programme der Apartheid. Die beiden Autoren sind sich immer bewusst, dass sie nicht einfach Geschichte schreiben, sondern ihre Geschichte ein Argument darstellt in einer Debatte über die besondere Entwicklung der Niederlande im Kontext der Europäischen Religionsgeschichte.

Im Einzelnen: Schon das Vorwort verspricht kluge Analyse, Problemgeschichte, nicht Erzählung einer von den Kirchen finanzierten ‚eigenen‘ Geschichte. Wann beginnt eine niederländische Identität? Als 1734 Gerüchte umliefen, dass die Katholiken die Calvinisten ermorden würden, eine niederländische Bartholomäusnacht, [1] da wurde deutlich, dass die Niederländer ihre Identität bewusst als konfessionell geprägt wahrnahmen (241). Die Republik Niederlande war 1588 entstanden, als sich die Niederländer als Reformierte (Calvinisten) lossagten von der katholischen spanischen Herrschaft; der Süden blieb allerdings katholisch (bis er sich 1830 als  Königreich Belgien selbständig machte). Die Karte 23 (S. 289) zeigt das anschaulich. Überhaupt sind die Karten im Buch didaktisch klug begrenzt auf eine Information und nicht zu detailreich. Im Text finden die Parteiungen innerhalb der großen Kirchen wie die Minderheiten außerhalb immer die nötige Beachtung, die Remonstranten, die Mennoniten, die Zigeuner (S. 237 f), Freimaurer (282). Bewusst verlassen die Autoren die Perspektive der Mehrheitskirche.
Aber eine spezifisch niederländische Religion beginnt früher. Schon die Besonderheiten in der römischen Provinz sind zusammengefasst in einer Tabelle der vorzüglichsten Götterkulte (S. 34). Dann bilden die Heiligen und die Wallfahrtsorte eine eigene religiöse Region (zusammengefasst in den Tabellen S. 81 und 135). Mit der Refortion verstärkt sich die Eigenentwicklung als Calvinistische Republik und dann als protestantische Nation. Die strenge Selbstkontrolle, die sich die Bürger in der calvinistischen Kirchenzucht auferlegt hatten, die Ausrichtung der Politik nach Regeln der Bibel weicht allmählich ab etwa 1850 bis heute einem „Variierten Bürgertum“ (307-450). Die Entwicklungen in den Nachbarländern werden interessiert aufgenommen. Der englische Puritanismus erscheint dem (pietistischen) Calvinismus geistesverwandt, sogar die Katholiken zeigen puritanische Charakterzüge (S. 255 f: Jansenismus), der holländische Katholizismus entsteht, der sich immer große Eigenständigkeit gegenüber der römischen Hierarchie bewahrte (390-393). Ein Grundzug aber ist trotz der strengen Selbstzucht die staatliche Toleranz, die vor allem in Amsterdam eine ansehnliche sefardische und aschkenasische Gemeinde entstehen ließ. Auf einen Blick sieht man den Pluralismus (im Jahre 1809) auf der Tabelle 290 f – dazu dann die Tabellen 388 f mit der Abnahme der Christlichkeit und dem Einwandern hinduistischer und muslimischer Religion, in den Niederlanden besonders aus den ehemaligen Kolonien. Die Gegenwart ist immer klar im Blick. Besonders hervorzuheben ist, wie die beiden Autoren Stile des religiösen Lebens der einzelnen Gruppen zu charakterisieren versuchen. Die einzelnen Rituale sind beschrieben, auch welche neuen Rituale die ‚rituallosen‘ Calvinisten einführen. Wie kam es zur Blüte der holländischen Malerei trotz der reformierten Bilderfeindlichkeit? [2]  Die Medien der neuen religiösen ‚Sprache‘ finden sich in Schule und Ausbildung, in Familienandachten. Die Auflösung der Konfessionsschulen (ab 1806, s.S. 326) bildet für die Autoren eine entscheidende Institutionalisierung sowohl der Gleichberechtigung aller Religionen wie auch für den Rückgang der Bedeutung der Religionen als sozialer Rang. Gleichzeitig wusste Abraham Kuyper die einfachen Leute im Rückgriff auf calvinistische Bürgertugenden zu selbstbewussten Wählern zu mobilisieren (327-333; 353); die Innere Mission sorgte sich in zahlreichen Vereinen um die Benachteiligten der Industrialisierung (Tabelle 346-352). Der soziale Protestantismus entsteht, aus dem der „Wohlfahrtsstaat“ sich entwickelt: nicht mehr religiös begründet, aber aus religiösen Wurzeln. Zu den religiösen Dynamiken traten jetzt neben Protestanten und Katholiken die bewusst nicht religiös auftretenden Liberalen und Sozialdemokraten in die Öffentlichkeit, die so genannten vier ‚Säulen‘ der niederländischen Gesellschaft. Ebenso knapp wie kritisch sind die Beschreibungen von nationalsozialistischem Einfluss (nicht einfach als Fremdherrschaft entschuldigt: S. 374-378) oder von ethnischer Vielfalt und islamophoben Bewegungen (Islam 405-420). Zu den Evangelikalen und Fundamentalisten (421-427). Die Regeln der Verfassung S. 438-443. Trotzdem warnen die Autoren, das Eigene einer niederländischen Religionsgeschichte zu einem unveränderlichen Wesen zu erklären (449). Ein großartiges Buch, dicht in der Information (gut erschlossen durch das Register), immer auf das Argument bedacht! Das Modell für eine Religionsgeschichte, die sich nicht in den Dienst einer Kirchengeschichte stellt. Dem Verlag gebührt der Dank dafür, dieses Buch dem deutschen Publikum zugänglich zu machen. [3]   Wer sich für Religion und Geschichte in Europa (nicht nur in den Niederlanden) interessiert, muss dieses Buch lesen, auch wenn es ziemlich teuer ist.

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7. Januar 2012
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft
Universität Bremen

  1. [1] Das Massaker der Katholiken an den Protestanten in der Bartholomäusnacht 1572 war die gewaltsame Explosion der konfessionellen Spannungen in Frankreich aus Anlass der Hochzeit Heinrichs IV. mit Margarete von Valois, für die Heinrich zum Katholizismus konvertierte („Paris ist eine [katholische] Messe wert“). Heinrich verkündete später das Recht auf Toleranz (Edikt von Nantes 1598). Sein Enkel Ludwig XIV. hob es 1685 auf, und es begann die Vertreibung der sog. ‚Hugenotten‘, die dem Tod durch Flucht v.a. nach Brandenburg-Preußen und in die Niederlande entgingen.
  2. [2] Ein Beispiel (Bilder auf den Weltkarten aus Holland) habe ich vorgestellt: Neue Welt und Neue Zeit. Weltkarten und Säkularisierung in der Frühen Neuzeit. in: Renate Dürr/ Gisela Engel/ Johannes Süßmann (Hrsg.): Expansionen in der Frühen Neuzeit. (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 34) Berlin 2005, 43-68.
  3. [3] Das Buch ist nicht ganz so liebevoll ausgestattet wie das niederländische Original (z.B. zweifarbiger Druck). Die Übersetzung von Kerstin Hedemann ist gut lesbar. Bei den Namen gibt es manchmal andere deutsche Regeln, wie König Josia (S. 73), das ägyptische Damiette (91), die devotio moderna heißt auch im Deutschen so, nicht ‚moderne Frömmigkeit‘ 133. Confessio Tridentinum passt nicht zusammen (194): concilium Tridentinum oder professio Tridentina. Hugo de Groot wird im Deutschen immer Hugo Grotius genannt. ‚Randzone‘ (218) muss heißen Marginalien. Das makedonische Castorie (257) ist Kastoriá. Die Karte S. 57 ist nicht vollständig eingedeutscht, usf. Druckfehler nenne ich hier nicht, sie erklären sich von selbst.
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Schöpfung entdecken. Von Franziska Angerer

Schöpfung entdecken

FWU Institut für Film und Bild, 2010
DVD-Konzept:
Franziska Angerer

Die didaktische DVD „Schöpfung“ ist für den Unterricht in der Primarstufe und auch schon in der Vorschule konzipiert. Als Kernstück bietet diese DVD einen 11-minütigen Film.
Hier wird in enger Anlehnung an die Schöpfungserzählung aus Gen 1,1 – 2,4a in entsprechender Bilderfolge die Geschichte von den sieben Tagen der Schöpfung erzählt. Der Erzähltext ist einerseits individuell und kreativ gestaltet, andererseits bringt er den vertrauten Text wohl klingend nahe. Nicht zuletzt trägt die sympathische Stimme der Sprecherin dazu bei! Die Bilder sind an einigen Stellen animiert (bewegen sich), unabhängig davon bleibt dem Betrachter genügend Raum, dem Erzählten und Gesehenen innerlich nachzugehen. Schöpfung zu betrachten braucht eben Zeit, und sie wird hier gewährt. In Anbetracht der hektischen Bilderflut, der wir in den Medien meist ausgesetzt sind, ist das eine wohltuende Erfahrung! Die schön gemalten Bilder können auf der DVD auch einzeln gezielt betrachtet und in Arbeitsblätter eingefügt werden. Die Erzählerin benutzt eine klare, einfache aber ausdrucksvolle Sprache, die von Kindern gut verstanden und nachvollzogen werden kann. Zweimal werden die Kinder sogar direkt angesprochen, mit einem anregenden „Schau wie …“.  Das bietet der Lehrkraft gute Möglichkeit, mit dem Film variabel umzugehen und, wenn als notwendig erachtet, Zwischenstationen einzulegen.

Theologisch und religionsdidaktisch sind in der Erzählung einige wichtige Schwerpunkte gesetzt:
(1) Bei der Erschaffung der Tiere wird der Segen, den diese erhalten ( eine oft übersehene Tatsache!) kindgemäß in die Worte gekleidet: „Er gab ihnen gute Wünsche mit auf den Weg“. (2) In berechtigter didaktischer Freiheit bringt der Erzähltext die Fülle und Verschiedenheit der Tiere prägnant zum Ausdruck: „In manche Länder setzte er Tiger, in andere Eisbären ..“. Auf diese Weise wird den Kindern „Schöpfung“ als gegenwärtiges Phänomen deutlich, denn es handelt sich ja um Wesen, die sie von heute kennen. (3) Der Vergegenwärtigung des Schöpfungsgedankens dient auch die aktuelle Bildgestaltung, so sieht man bei den erschaffenen Menschen moderne Kleidung, Brücken, Autos, usw.  Diese Elemente drängen sich zwar nicht in den Vordergrund, verweisen jedoch auf den aktuellen Bezug. Es ist auch nicht schwer,  die letzte Bildfolge mit einem Bezug zur Arche zu sehen.
(4) Deutlich wird der 7. Tag, der Ruhetag, als das Ziel des Schöpfungshandelns genannt. Dies ist insofern bedeutsam, als dadurch der Mensch als Teil der Schöpfung, nicht als „Krone der Schöpfung“ verstanden wird.
Insbesondere der letztgenannte Punkt bietet (kinder-) theologisch neue Aspekte für die unterrichtliche Behandlung!

Die didaktische DVD bietet im Materialbereich eine Fülle weiterer Arbeitsmöglichkeiten. Der komplette Erzähltext steht zur Verfügung, kann variabel genutzt werden, musikalische Elemente können das Sehen und Lesen durch eine weitere Dimension bereichern. Verschiedene Arbeitsblätter mit unterschiedlichen Niveaustufen runden das Angebot ab. So wird der Film zu einem Teil eines umfassenden Bildungsangebotes in der Grundschule.

„Schöpfung entdecken“ erweist sich als ein sehr gutes Arbeitsmaterial, das zum Einstieg und zur Vertiefung in das Thema vielseitig genutzt werden kann.

Weitere Informationen und Vorschaumöglichkeiten: Website des FWU .
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Dr. Manfred Spieß
Universität Bremen
Religionswissenschaft / Religionspädagogik             19.01.2012

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Theologisieren in der Grundschule – Band 2. Von Ulrike Itze und Edelgard Moers

Theologisieren in der Grundschule – Band 2

Ulrike Itze, Edelgard Moers
Anleitungen und Ideen zum Umgang mit schwierigen Kinderfragen
1. Aufl. 2008
ISBN: 978-3-8344-3458-6   21,90 €

[Beachten Sie auch die Vorstellung von Band 1]

Band 2 ist im Prinzip ähnlich aufgebaut, erweitert jedoch das Repertoire um vertiefende Fragestellungen und andere Unterrichtsthemen. Im Folgenden werden einige Unterrichtseinheiten daraus kurz vorgestellt und kommentiert.

Der Basisaufsatz (5 – 14)  ist nur im Titel gleich wie im 1. Band. [Warum wurde kein anderer Titel gewählt, um Verwechslungen mit Bd.1  auszuschließen?] Denn hier steht der Umgang mit dem „Fragen“ im Vordergrund. Eine ausführliche Tabelle mit Kinderfragen gibt Hinweise auf Gesprächsgestaltung und unterrichtliche Umsetzungsschritte. Es folgen 3 Lieder zum Fragen, darunter auch das schöne Lied „Fragen stellen kann ich gut“, das im Schulbuch „Spuren lesen 1-2“ Eingang gefunden hat. [Vgl. meine Buchbesprechung  zu „Spuren lesen“]

Großen Raum nimmt die biblische Erzählung von Jona in Anspruch (34 – 61). Diese wird hier mit der Frage verbunden „Wie bist du, Gott?“  Die Unterrichtseinheit ist für 3. – 6. Schuljahr vorgesehen. Neben Erzähltexten werden hier interessante methodische Hinweise gegeben: Arbeit mit Legematerialien wie Seil, Ortsschilder und Jona-Figur; Lieder und eine Ballade von Klaus Peter Hertzsch; Impulskarten zur Identifikation mit Jona; Anregungen zu einem Jona Buch.
Fotos aus dem Unterricht zeigen, wie Ergebnisse aussehen können. In didaktischer Freiheit entscheidet sich die Autorin Ulrike Itze dazu, Jona mit den Einwohnern von Ninive ein „Lebensfest“ feiern zu lassen (84).

Edelgard Moers hat für das 3. – 6. Schuljahr die Frage „Was ist Glück?“  bearbeitet (75 – 90). In neun Sequenzen bietet sie eine reiches Repertoire an Einzelaspekten und Methoden. Es beginnt mit einer anregenden Geschichte vom „glücklichen Elefant“ (80f), es folgen Lernangebote zu „Glücks-Sätzen“ (84-86), und geht über zu den Seligpreisungen der Bergpredigt. Das Arbeitsblatt dazu (87) erscheint mir jedoch für die Altersstufe sehr anspruchvoll zu sein. Mir erschließt sich auch nicht die eigenwillige Übersetzung von Mt 5,3: „Selig sind, die Gottes Wort nicht verstehen, auch ihnen  gehört das Himmelreich“! Abgesehen davon ist das Thema „Glück“ hier sehr breit und kreativ für die Umsetzung im Unterricht angeboten.

Für das Thema „Schöpfung“ (91 – 109) wurde ein besonderer Zugang über ein Kinderbuch gewählt. Im Mittelpunkte steht das Buch von Giaconda Belli, Die Werkstatt der Schmetterlinge. Um die Hauptpersonen (Rodolfo, Die Weise Alte) herum wird das Unterrichtsgeschehen aufgebaut. Dabei geht es besonders um ästhetische Wahrnehmungen und Ausdrucksformen. Darüber hinaus bietet diese Unterrichtseinheit Zugänge zum biblischen Schöpfungslob über Psalm 104, die beiden Erzählungen aus Gen 1 und 2 sowie eine schöne Sammlung von 24 Psalmworten, welche Gottes Schöpfung preisen (Psalmwortkartei). Die Aufgabenstellungen und die Materialien sind ansprechend und vielseitig verwendbar.

Ulrike Itze setzt den ästhetischen Schwerpunkt fort in der Unterrichtseinheit über die „Liebe“ ( 110 – 132). Der philosophische und der biblisch-theologische Hintergrund wird sorgfältig aufgearbeitet. In verschiedenen neuen Sprachspiel-Methoden („Siebenlein“, „Gedankenrondo“, Akrostichon, Sinnesgedicht) können die Kinder sich dem Thema nähern. Neben dem paulinischen Hohelied der Liebe, 1. Kor 13,1-13 steht das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37) im Zentrum. So wird deutlich, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, sondern zur Handlung führt.

Alle vorliegenden Unterrichtseinheiten dieser Bände dienen auch dem kindertheologischen Ansatz, wenngleich es nicht überall explizit betont wird. Die Breite und die Tiefe der Unterrichtsvorschläge lässt mannigfache individuelle Variation zu. Je nach Klassensituation können Schwerpunkte gesetzt werden. Den Kindern werden dadurch gute Gelegenheiten geboten, ihr eigenes Fragen und Denken einzubringen und weiter zu führen.

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Dr. Manfred Spieß
Universität Bremen
Religionswissenschaft/Religionspädagogik
02.01.2012

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Theologisieren in der Grundschule Band 1. Von Ulrike Itze und Edelgard Moers

Theologisieren in der Grundschule – Band 1

Ulrike Itze, Edelgard Moers
Anleitungen und Ideen zum Umgang mit schwierigen Kinderfragen
ISBN: 978-3-8344-3764-8   21,90 €
Persen Verlag Buxtehude 2. Aufl. 2009

Das Konzept der Autorinnen Ulrike Itze und Edelgard Moers verbindet mehrere grundlegende Aspekte der Religionsdidaktik der Primarstufe. Ihnen geht es vor allem um den existentiellen Bezug der Themen zur Lebenswelt der Kinder – ein Anliegen, das spätestens seit der Wende zur Schülerorientierung eine ständiges Anliegen und fortwährende Aufgabe ist. Darüber hinaus schlagen sie Brücken zum Theologisieren mit Kindern im Religionsunterricht. Dabei fließen Grundfragen des Lebens in ihren Ambivalenzen – z. B. Angst und Mut, Tod und Leben, Gewalt und Frieden – mit dem didaktischen Konzept des Theologisierens mit Kindern zusammen.
Gegenwärtig liegen noch nicht allzu viele Erfahrungen aus der Schulpraxis vor; daher darf man gespannt sein, wie Kindertheologie hier praktisch umgesetzt wird.

Die Autorinnen veranschaulichen ihr Konzept im vorliegenden Band 1 durch einen einleitenden Beitrag, der die Zusammenhänge mit dem Ansatz von Petra Freudenberger-Lötz deutlich hervorhebt („Didaktisches Dreieck“, 10).

Kindertheologisches Arbeiten lebt ganz wesentlich von einer guten Gesprächskultur. Edelgard Moers widmet sich in ihrem Beitrag dieser Frage mit grundlegenden Hinweisen (13-34).  Es werden sehr praktische Methoden vorgestellt, die zum Einüben und Vertiefen dienen. Die Materialien für den Unterricht (Reflexionskarten, Planungskarten, Symbole) sind als Kopiervorlagen beigefügt. Den Weg zum kindertheologischen Arbeiten markieren Hinweise zum „Zuhören“, zum Weiterfragen: „Was wäre wenn …“ und zur „Pro- und Contra-Diskussion“.

Als erste thematische Unterrichtseinheit, erarbeitet von Jessica Stegemann und Inga Zensen, folgt die Frage „Warum bin ich auf der Welt?“ ( 35 – 46). Auf kreative Weise (z. B. Puzzle, Klassenleporello, Schreibimpulse, Satzanfangskarten) werden große Fragen der Kinder im Unterricht bearbeitet. Die Materialien sind jahrgangsübergreifend verwendbar. Die Autorinnen lassen die Kinder auch nach religiösen Antworten suchen, sie gewähren dabei Unterstützung. An dieser Stelle unterscheidet sich kinderphilosophisches vom kindertheologischen Arbeiten.

Ein weiterer Beitrag von Ulrike Itze, für die 1. und 2. Jahrgangsstufe, stellt sich der Frage nach dem „Lebensweg“ (47 – 65). Religionspädagogisch steht zunächst die biblische Gestalt „Abraham“ im Mittelpunkt. Seine Lebensgeschichte und Erfahrungen, wie sie in der Bibel erzählt werden, werden in Betziehung gesetzt zur Lebenslinie der Schülerinnen und Schüler. Die praktischen Hinweise und Materialien sind erprobt und gut auf andere Schulsituationen übertragbar. Auf diese Weise wird der Unterricht sowohl bibeldidaktisch als auch existenzerschließend sehr anschaulich! Auch symboldidaktisch wird das Thema „Weg“ gut umgesetzt.
Die nächste Unterrichtseinheit von Ulrike Itze lautet „Wer bist du, Gott? Wie siehst du aus, Gott?“  ( 66 – 91).  Das kann für jede Lehrerin und jeden Lehrer ein Kernthema des RU werden, weil die Kinder es immer wieder ansprechen! Die didaktischen Vorüberlegungen gehen sorgfältig auf Problembereiche und mögliche Engführungen bei dieser Frage ein. Wichtig finde ich besonders die vorgeschlagenen Annäherungen über „Vorstellungen von Gott“. Hier spielt das Wörtchen „wie“ eine entscheidende Rolle. Das hilft, Vorstellungen von Gott immer in einem relativen rahmen zu sehen und sich bewusst zu machen, dass Gott immer größer ist als unsere Vorstellungen. Hilfreich sind die Materialien: Sammlung von Bibeltexten zur Gottesfrage, Spielszenen und Bastelanleitungen.
Kritisch sehe ich die auffallende Unterscheidung zwischen alt- und neutestamentlichen Gottesvorstellungen, die hier vorgenommen wird (z.B. 74f). Taucht hier etwa der früher oft vermutete (aber nicht fundiert belegte!) angebliche Kontrast zwischen dem Gott des AT und dem Gott des NT auf? Es wäre angebrachter und für den Unterricht hilfreicher, von vielfältigen Gottesbildern der Bibel zu sprechen.

Neben der Gottesfrage ist das Thema „Leben und Tod“ ( 92 – 108) zentraler Bestandteil kindlicher Fragestellungen im Religionsunterricht. Ulrike Itze legt großen Wert darauf, die Frage nach dem Tod mit dem Leben zu verbinden. Die 1. Sequenz beginnt daher mit dem Impuls „Wenn ich an das Leben denke …, dann habe ich viele Gedanken und Fragen“ (94). Dann folgen Impulse zu „Tod“ und zur Verbindung von Tod und Leben. Theologisch wird dieser Ansatz durch die christliche Hoffnung flankiert, dass das Leben der Menschen nach dem Tod bei Gott gut aufgehoben ist. Im weiteren Verlauf der Unterrichtseinheit steht die Geschichte von Shiro und Miki im Vordergrund. Die „Erinnerung“ ist hier die prägende Kategorie.

Insgesamt vermitteln die hier vorgelegten Unterrichtseinheiten einen sehr erfahrungsgesättigten und praxisorientierten Eindruck. Die didaktischen Vorüberlegungen bereiten Lehrerinnen und Lehrer gut vor und stehen in lebendigem inneren Zusammenhang mit den Unterrichtssequenzen. Die Materialien sind kindgerecht und ‚schulgerecht’ gestaltet und können auf eigene Situationen übertragen werden. Die vorgestellten „Lernchancen“ sind eine gute Alternative zu typisierten Lernzielen oder inflationär gewordenen Kompetenzformulierungen. Die Lernchancen entsprechen einem Konzept der Kindertheologie besser! Dieser Praxisband ist eine Bereicherung für jede Grundschule und für die Handbücherei der Lehrkraft!
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Dr. Manfred Spieß, Universität Bremen

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Manfred Spieß          

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